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LESEPROBE

Titel: Johnny & Gino


Johnny & Gino

Roman



Gewidmet

Allen romantischen Verlierern,
Tagträumern, Vagabunden, Landstreichern und Tramps,
Kleinganoven und Tagedieben



*



An dem Tag, als Johnny geboren wurde,
zog ein schweres Gewitter auf.
Es donnerte. Blitze zuckten hernieder, und aus schwarzen Wolken regnete es in Strömen.
Der Himmel weinte.
Er hatte an ihm einen Engel verloren.



*






ERSTES KAPITEL



Es war schon lange nach Mitternacht und Johnny hielt immer noch die ausgeblichene Postkarte aus Kalifornien in seinen Händen. Er lag in verrissenen Blue Jeans und nacktem Oberkörper auf seinem zerwühlten Bett. Nachdenklich starrte er in das Dunkel seines Zimmers. Die Adresse stammte aus San Diego.
„Ungewöhnlich,“ dachte er.
Es war nicht üblich eine vollständige Anschrift unter Urlaubsgrüße zu setzen. Zudem kannte er diesen Absender nicht, und Post bekam er schon lange nicht mehr.
Konnte es sein, dass... aber diesen Gedanken hörte er nicht mehr zu Ende. Das Gras war stark. Obwohl er nicht tief inhaliert hatte, ließ ihn der Joint den er zuvor geraucht hatte, in einen schweren Schlaf versinken.
Die ganze Nacht hatte er wirre Träume. So wie früher in seiner Kindheit. Träume, die sich manchmal bewahrheiteten, und vor denen er Angst hatte. Es war eine furchtbare Nacht.
Als er aufwachte war er schweißgebadet. Er schlurfte in das Bad, wusch sich oberflächlich, und es war, als blicke ihm eine Fratze aus dem Spiegel entgegen. Er verwischte das Abbild, zog sein Jeans-Hemd an, das noch verrissener war wie seine Hose, packte kurzentschlossen das nötige Kleingeld, ein paar Habseligkeiten und seinen amerikanischen Pass, in seine alte selbstgeschneiderte Reisetasche aus braunem zerschlissenem Wildleder, und ohne ein Wort des Abschiedes an seinen Vater, der wortlos in der Küche sein Verschwinden billigte, machte er sich auf den Weg in Richtung Flughafen. Sie hatten sich schon lange nichts mehr zu sagen.
Der pensionierte Sergeant stand auf, begab sich apathisch in das Wohnzimmer und legte sich in seinem Bademantel für ein Nickerchen wieder auf die Couch. Der CNN brachte Nachrichten. Der Kasten hatte nur noch diesen einen Sender, und der lief den ganzen Tag.
Früher war er wer, als er seine Rekruten noch schliff. Man stand in Hab-Acht Stellung vor ihm in der US Air Base. Vor Sergeant William Crow. Gebürtig aus Phoenix, Arizona. Aber das war lange her. Hier in Frankfurt am Main brachte er es zu Ruhm und Ansehen. Man achtete ihn und zeigte Respekt. Aber seit dem Abzug der amerikanischen Truppen aus West-Deutschland und seiner Pensionierung hatte sich für ihn einiges geändert. Er hatte es verpasst rechtzeitig die Kurve zu kratzen. Er wollte zwar zurück nach Amerika wie so viele seiner Kollegen, aber er blieb wegen seiner Söhne, besser gesagt wegen seinem Sohn; dem, der ihm noch blieb. Er war ein Wrack geworden. Äußerlich wie innerlich. Von Gedanken erbärmlich zerfressen und zitternd vom Alkohol. Seit dem Tod seiner Frau war er im Laufe der letzten Jahre phantasielos und kleinkariert geworden. Und Säufer. Ja, wenn seine Frau noch leben würde und den Haushalt noch in Schuss hielte, dann wäre einiges anders. Und wenn Frank, sein Ältester noch hier wäre. Sein Erstgeborener, auf den er so viel gesetzt hatte. Der Liebling von Martha, seiner deutschen Frau. Sie kämpfte zwei Jahre um ihr Leben, bis sie schließlich ihrer Krankheit letzten Sommer erlag. Seitdem Frank spurlos verschwunden war, litt sie zunehmend. Das war lange her. Zehn Jahre waren schon vergangen seit dem Bankraub in Frankfurt, als Frank zwei deutsche Polizisten erschoss. Er und sein Komplize flohen damals mit 2,75 Millionen DM. Sein Sohn Frank kam damals ganz groß in der Zeitung. Er und sein bester Freund Billy. Ausgerechnet Billy. Einer seiner besten GIs. Gedrillt zu Härte und Gehorsam. Aber auch zur Unvernunft.
Der Alkohol machte ihm zu schaffen. Mühsam schleppte er sich zur Toilette. Auch diese war seit Monaten nicht mehr gereinigt worden. Er urinierte im Stehen und verspritzte die Toilettenschüssel. Dann drehte er sich um, verließ die Toilette und begab sich zu der schweren Kellertür. Er öffnete sie vorsichtig, wie man einen Safe öffnet, knipste das schummrige Licht an und stieg unsicher die siebzehn Stufen hinab. Er zählte sie. Wie immer. Er bückte sich umständlich, füllte die Taschen seines Bademantels mit Heineken Bierdosen, wandte sich zum Gehen und blieb für einen Moment auf der letzten Stufe der Kellertreppe stehen. Der betrunkene Sergeant wusste. Solange das Geld in seinem Hause war, würde Frank eines Tages wiederkommen.
Am Flughafen in Frankfurt angekommen, erkundigte sich Johnny nach dem nächsten Direktflug nach Amerika. Er hatte Glück. Nach einer Stunde saß er in einer älteren Boing nach Los Angeles. Die Stewardess brachte das Bordmenü, aber er ließ es zurückgehen. Er bestellte einen Kaffee um wach zu werden.
Konnte es sein, dass der Absender der Postkarte ein Lebenszeichen seines vier Jahre älteren Bruders Frank war?



*



Die Maschine setzte in Los Angeles zur Landung an. Mit dem Taxi ließ sich Johnny zur nächsten Greyhound Station fahren, und legte die achtzig Meilen nach San Diego in weniger als zwei Stunden zurück. Es war vier Uhr in der Frühe und die Nacht lag noch lau über der Stadt. Trotzdem fröstelte er, als er die Station in San Diego verließ. In ein, zwei Stunden vielleicht, stünde er schon vor dem Absender der Postkarte. Mist, er hatte sie zu Hause auf dem Nachttisch liegen lassen. Doch die Adresse des Absenders hatte sich durch das ständige wiederholte Lesen von selbst eingeprägt. Er kannte sie auswendig. In irgendeiner Strasse erkundigte er sich bei zwei Müllmännern, für die der Tag schon begonnen hatte, nach der besagten Adresse. Sie erklärten ihm mühelos Richtung und Entfernung, und wünschten ihm noch einen schönen Tag. Einen Fußmarsch von etwa einer Stunde hätte er vor sich. Johnny hatte nichts gegen ein bisschen Bewegung nach dem langen Sitzen im Flugzeug, und im Greyhound Bus.
Zielstrebig schlenderte er durch die Strassen San Diegos, in der Gewissheit bald Näheres über den unbekannten Absender der Postkarte zu erfahren. Er hatte so ein Gefühl. Wenn er rechtzeitig ankäme, stände er so gegen halb sechs an der Klingel vor der Haustüre. Was dann? Was wäre, wenn sich irgendjemand einen dummen Scherz erlaubt hatte, eine Adresse auf eine vergilbte Postkarte zu schreiben, und einfach abzusenden? Er vertrieb diese Gedanken. Sein Gespür signalisierte ihm etwas anderes. Die Spur musste zu Frank führen, redete er sich ein, aber irgendetwas machte ihn unruhig. Er bekam Hunger, doch die Imbissbuden nach denen er Ausschau hielt, waren noch geschlossen. Zudem zeigte Amerika nicht das Gesicht, wie er es im TV oder auf Bildern zu sehen bekam. Alles geschäftig und immer busy. Die Strassen war verdächtig leer. So ging er Schritt für Schritt seinen Gedanken nachhängend. War er eigentlich Amerikaner nur auf dem Papier? Wie deutsch war er wirklich? Er hatte zwar einen amerikanischen Pass, aber das auch nur, weil er sich mit achtzehn entweder für die amerikanische, oder deutsche Staatsbürgerschaft hatte entscheiden müssen. Mit achtzehn als deutscher Soldat zur Bundeswehr, das war nicht sein Ding. Das verbot ihm sein amerikanischer Vater, und seine deutsche Mutter war nicht für das Töten. Nur dass er nicht in die amerikanische Armee eintrat, das verzieh ihm sein Vater nie. Er spuckte auf den Gehweg.
Am Ende dieses Blocks musste es sein. Das kleine alte Haus stand am Stadtrand von Mission Valley, Old Town. Es war in respektablem Zustand, im Gegensatz zu einigen Nachbarhäusern dieser Gegend. Vor den Häusern in den Garageneinfahrten standen große Amischlitten. Manche parkten auch auf der Strasse, manche in den Einfahrten. Um jedes der Häuser war ein Rasen. Andere hatten einen Zaun um ihr Grundstück. Das war gut so, denn Johnny wollte die Zähne der fletschenden Bestie nicht in seinen Waden spüren. Der lange gerade Gehweg erinnerte ihn an zu Hause. Es war eine Allee mit altem Ahornbestand. Es waren wunderbare stattliche Bäume.
Noch drei Häuser weiter, dann müsste er da sein. Turner Avenue N° 656. P. Johnson. In der Hauseinfahrt stand ein Lieferwagen. Er betrat das Grundstück ohne zu zögern, und stand vor dem Namensschild der Klingel. Die Adresse auf der Postkarte stimmte mit dieser hier überein. Er war da.
Er hatte Hemmungen zu klingeln. Es war noch zu früh. Einen Funken Anstand besaß er noch. Aber nur einen. Das Gekläffe des Wachhundes drei Häuser zuvor, wollte nicht aufhören, und im Nachbarhaus gingen die Fensterläden auf. Ein männliches, aus dem Schlaf gerissenes Gesicht musterte ihn argwöhnisch, und verschwand wieder. Johnny dachte, dass es wohl besser wäre zu klingeln, auch wenn das halbe Viertel noch schlief. Er drückte auf den Klingelknopf, und vernahm im Inneren des Wohnhauses ein warmes, angenehmes Ding Dong. Er wartete. Es rührte sich nichts. Er klingelte noch einmal. Nervosität stieg in ihm empor. Er atmete tief durch. Dann hörte er, wie an der Innentüre der Schlüssel im Schloss gedreht wurde. Vorsichtig öffnete jemand die Haustür einen Spalt breit von innen.
„Ja, was gibt’s?“ hörte er eine verschlafene Stimme.
Jetzt erst sah er das Gesicht einer jungen Frau. Sie hatte dunkles Haar bis über die Schultern und war nur mit einem langen T-Shirt bekleidet. Sie war hübsch. Das gefiel Johnny. Er fühlte sich gut in seiner Rolle, räusperte sich, und bat um Entschuldigung für die morgendliche Störung.
„Entschuldigen sie Miss. Kann es sein dass sie mir vor gut vier Wochen eine Postkarte mit ihrer Adresse nach Deutschland schickten?“
„Wie bitte?“ entsetzte sich das junge Ding. „Fuck off!“ fauchte sie ihm ins Gesicht.
„Ich erhielt eine Postkarte aus Kalifornien, San Diego, genau mit dieser Adresse, und mit der Nachricht ich solle mich so schnell wie möglich persönlich melden. Ich wüsste um wen es geht.“
Ohne eine Antwort wurde die Haustüre wieder von innen verschlossen. Bange Momente vergingen. Johnny fühlte sich plötzlich von allen Seiten beobachtet. Der Köter hatte mittlerweile aufgehört zu bellen, aber nach diesem Auftritt war es wohl besser zu verschwinden. Er ging ein paar Schritte rückwärts, suchte mit seinen Blicken das obere Stockwerk des Hauses ab, ob irgendeine Zimmerbeleuchtung anginge. Er wollte sich soeben zum Gehen umdrehen, als die Haustüre erneut geöffnet wurde. Diesmal erschien eine männliche Gestalt, welche die Haustür öffnete. Es war Billy! Zu seiner Überraschung und Beruhigung. Johnny erkannte ihn sofort. Er hatte sich kaum verändert. Er sah immer noch so aus wie früher. Besser gesagt wie vor zehn Jahren, als sie sich das letzte Mal sahen.
„Johnny, bist du es?“
„Billy?“
„Ja, ich bin es wirklich. Mach nicht so ein riesiges Aufsehen. Komm rein.“
Johnny trat ein. Als er sich an Billy zwischen Tür und Angel vorbeizwängte, roch er ihn. Er stank nach Schweiß, und hatte den Geruch von Schlaf an sich. Misstrauisch schaute Billy mit einem flüchtigen Blick seiner unruhigen Augen das Gebiet der gesamten Nachbarschaft ab. Es schien sich alles beruhigt zu haben. Er schloss die Haustüre hinter sich.
Das Wohnzimmer war gemütlich eingerichtet. Im ersten Augenblick fühlte sich Johnny wohl.
„Schön, dass du da bist,“ meinte Billy. „Wie bist du hergekommen?“
„Mit dem Flugzeug.“
Billy lachte. „Das ist mir schon klar. Ich meine, wie hast du mich hier in San Diego gefunden?“
„Ganz einfach. Ich habe nach dem Weg zu dieser Adresse gefragt und irgendjemand hat sie mir gesagt.“
„Okay, okay,“ wehrte Billy ab. „Setz dich,“ forderte er ihn auf.
„Auch eine?“ Billy steckte sich eine Marlboro an.
„Danke, hab’ meine eigenen.“
Billy inhalierte tief, und blies den Rauch nervös wieder aus.
„Hätte nicht gedacht, dass die Adresse von deinem Alten noch die gleiche ist,“ machte sich Billy lustig.
Er log.
„Woher wusstest du wo ich wohne?“ fragte Johnny.
„Na ja, ich gebe es zu, ich habe mich bei der Auslandsauskunft nach meinem alten Sergeant erkundigt. Ich sagte ihnen ich war in der Armee in Deutschland stationiert, und wollte wissen ob er noch lebt, und wenn ja, ob die alte Adresse noch stimmte? Ich wollte was von mir hören lassen, und ob sie mir bitte die Telefonnummer in Deutschland geben könnten. Ich habe daraufhin angerufen, habe mich blöde gestellt, und gefragt ob ich Herrn Mayer von der Frankfurter Börse sprechen könnte. Worauf dein Alter meinte, hier spricht Sergeant Crow, wohnhaft in Frankfurt am Main, Friedberg, wo Elvis Presley zu Besuch war, und ich wäre falsch verbunden. Er kenne keinen Mayer. So hatte ich eure Adresse. Selbst wenn ihr nicht dort wohnen würdet, dachte ich, irgendwann taucht einer von euch beim Alten auf, und der gibt euch dann die Postkarte.“
Mittlerweile hatte sich Billy zwei stattliche Lines Kokain auf dem Wohnzimmertisch zurechtgehackt.
„Auch eine zum Frühstück? Gute Ware aus Mexiko.“
„Meinetwegen eine halbe,“ antwortete Johnny.
Mit einer fünf Dollar Note schniefte Billy das Kokain weg, und ließ weniger als eine halbe Line übrig. Johnny beugte sich über den Tisch, und zog den Rest.
Billy schien ruhiger zu werden, und das Zittern seiner Finger ließ nach.
„Ist das dein Haus?“ fragte Johnny.
„Nein, es gehört Patty. Ich wohne bei ihr, vielmehr wir wohnen zusammen hier. Sie ist meine Frau. Sie hat sich noch einmal hingelegt. Ihr Job beginnt erst um neun Uhr. Sie arbeitet in einer Bank. Als Bankangestellte. Guter Job. Sie wusste nichts von der Postkarte. Dachte du wärst irgendein Hausierer. Ich habe ihr vorhin kurz erklärt wer du bist.“
„Du hast ihr hoffentlich nicht gesagt, ich sei ein guter alter Freund aus Deutschland.“
„Doch das habe ich gesagt, genau das.“ Billy lachte verlegen.
Es entstand eine längere Pause. Johnny horchte in die Stille des Zimmers. Für ihn waren solche Momente nicht unerträglich, doch bei Billy schien es, als käme er nicht damit zurecht. Irgendwie war es Johnny, als stände es mit Billys Psyche nicht so recht. Billy machte keinen guten Eindruck auf ihn. Aber das war ihm im ersten Moment egal. Johnny ließ ihn reden. Er konnte zuhören und warten.
„Übrigens,“ flüsterte Billy zu Johnny leise über den Tisch, „Patty muss es nicht wissen, das mit dem Koks. Okay?“
„Geht schon klar.“
„Das ist schon eigenartig,“ stammelte Billy. „Da sieht man sich zehn Jahre nicht mehr. Ich kann es einfach nicht glauben, dass du vor mir sitzt.“
Billy lachte wieder verlegen und unecht. Gelassen saß ihm Johnny gegenüber.
„Wo ist er?“ fragte Johnny.
„Wer?“
„Frank,“ sagte Johnny cool.
„Mein Bruder. Deshalb bin ich hier. Ich will wissen wo er ist.“
„Woher soll ich das wissen?“ entgegnete Billy erstaunt, und musterte Johnny mit Wieselaugen.
„Du willst mir doch nicht verklickern, dass du mit Frank keinen Kontakt mehr hast Billy. Oder?“
„Ich schwöre es dir Johnny, seit der Nacht als wir die Bank überfielen, habe ich nichts mehr von Frank gesehen oder gehört.“
Johnny war sehr erstaunt über diese Information. Er dachte an einen dummen Scherz von Billy. Argwöhnisch blickte er ihn an.
„Das nehme ich dir nicht ab, dass du keine Ahnung hast wo sich Frank aufhält.“ Immerhin seid ihr in dieser Nacht gemeinsam geflohen,“ erwiderte Johnny ernst.
Johnny war vieles von seinem vier Jahre älteren Bruder gewohnt, aber dass er auch zu Billy keinen Kontakt gepflegt haben sollte in den letzten zehn Jahren, das machte Johnny misstrauisch. Immerhin verband sie früher einmal eine tiefe Freundschaft. Mit schweigender Neugierde zwang Johnny die Stimmung zur Stille, bis er Billy atmen hören konnte. Seine Atmung war schnell und oberflächlich. Dann suchte Johnny Billys Augen, als könnte er die Antwort in ihnen finden, aber sie waren zu unruhig. Innerlich kämpfte Johnny um nicht auszuflippen. Mit ruhiger gedämpfter Stimme setzte er fort.
„Die krakelige, verstellte Schrift und der Inhalt auf der Postkarte ließen etwas anderes vermuten. Wie reine Urlaubsgrüße sah es nicht aus. Es war mir, als sei es eine Nachricht von Frank. Lass die blöden Witze Billy. Wo steckt er?“
Billy atmete tief durch und recherchierte laut.
„In der Nacht, als wir drei, du, Frank und ich die Bank ausraubten, hatten wir ausgemacht, wenn irgendetwas schief läuft, hauen wir ab. Soweit war alles klar. Es war nicht meine Schuld, dass du den geklauten Fluchtwagen abgewürgt hast. Frank musste auf die zwei Bullen schießen, sonst hätten sie uns geschnappt. Frank und ich waren so angetörnt, und hatten uns nicht einmal sonderlich maskiert, deshalb hatte man uns auch erkannt. So wollten wir es haben. Meine Fresse, es war alles nicht gut geplant. Als wir fliehen mussten, ging eben doch alles drunter und drüber. Es lief alles nicht so, wie wir uns das damals mit unseren zugerauchten Köpfen ausgedacht hatten.“
Billy stank es, als er vor sich selbst zugeben musste, dass der Coup damals schief lief, und sie nicht die unerkannten Abräumer waren. Sie waren angetörnte Draufgänger und setzten damals alles auf eine Karte. Johnny wusste, wenn er den Fluchtwagen nicht abgewürgt hätte, würden die zwei Polizisten noch leben. Eine Polizeistreife kam vorbei. Zufällig? Oder wurde sie alarmiert? Frank musste schießen, ob er wollte oder nicht. Die Situation verlangte es. All die Jahre ging Johnny dieser Moment und dieses Bild sekundenschnell durch den Kopf, als er Franks Revolvermündung fünfmal schnell hintereinander aufblitzen sah. Das musste der wahre Grund sein, warum sein Bruder irgendwo untertauchte. Der Mord an den beiden Polizisten. Mord oder Notwehr. Man konnte es drehen wie man wollte. Johnny hatte starke Schuldgefühle. Billy redete und redete, obwohl Johnny in seinen Gedanken immer noch die Bilder von damals sah.
„Wir schlichen die ganze Nacht durch Frankfurt. Frank knackte eine zweite Fluchtkarre, und wir waren in weniger als vier Stunden in Hamburg am Hafen. Er raste wie ein Henker. Ich dachte ich überlebe die Fahrt nicht. Er war wie verändert. Ich weiß nicht was in ihn gefahren war. Ich konnte kaum ein vernünftiges Wort aus ihm herausbringen. Immer, wenn ich fragte, wie es denn weitergehen solle, schrie er mir ins Gesicht, ich solle mein verdammtes Maul halten. Im Hafen trafen wir den Mann, der uns auf den Bananenfrachter nach Brasilien schleusen sollte. Da teilte mir Frank mit, dass er es sich unterwegs anders überlegt habe. Er werde nicht mitkommen. Er habe seine Pläne geändert. Ich solle nicht fragen warum, sondern auf den Frachter gehen, und mein Ding durchziehen. Ich wollte nicht. Dann sagte Frank sehr eindringlich, dass ich auf den Frachter gehen werde, und dass wir uns eines Tages wiedersehen würden, sonst bräche er mir alle Knochen. Was sollte ich also machen? Wir verabschiedeten uns als Freunde, und er wies mich noch einmal auf unseren Ehrenkodex hin. In der Nacht noch, ging ich mit meinem geringen Fluchtanteil des geklauten Geldes an Bord, und war auf dem Weg nach Südamerika. Es war schon okay, dir das gesamte Geld anzuvertrauen, um es irgendwo zu verstecken. Denn wie Frank sagte, wenn sie uns mit dem ganzen Geld geschnappt hätten, wäre alles weg gewesen.“
„Hat er nicht gesagt wohin er wollte, oder was er vorhat. Ihr wart doch dicke Freunde,“ wandte Johnny ein.
„Glaub mir Johnny, nicht einen Ton gab er von sich. Du kennst Frank, wenn der sich was vorgenommen hatte, zog er es durch. Koste es was es wolle. Dann gab es kein zurück mehr.“ Billy holte Luft.
„Weißt du noch wie unser Ehrenkodex lautete, den wir uns alle drei schworen? Erst wenn die Gefahr für alle drei vorüber ist, so dass keiner mehr mit einer Gefängnisstrafe zu rechnen hätte, dann wollten wir uns wieder treffen, und jeder bekäme seinen restlichen Anteil. Ich dachte, jetzt könnte es an der Zeit sein, nach all den Jahren, und ich melde mich mal vorsichtig. Mitgehangen mitgefangen. Nach zehn Jahren wäre die Mittäterschaft für mich gelaufen, ich käme glimpflich davon. Deshalb lass uns über die Kohle reden. Wir treffen uns alle wieder, teilen ehrenhaft durch drei und die Sache wäre somit erledigt. Dann gehen wir getrennte Wege. Zum letzten Mal Johnny, wo ist Frank und das Geld?“ wollte Billy jetzt wissen, und drehte den Spies rum.
„Ich weiß es nicht,“ log Johnny.
Er wusste wohl wo das Geld versteckt war, aber irgendetwas warnte ihn, es jetzt auszuplaudern.
„Aber du wirst doch wissen, wo Frank abgeblieben ist. Ich meine irgendein Lebzeichen wirst du doch haben!“ platzte Billy nervös hervor.
„Nein, verdammt noch mal, deshalb bin ich doch hier!“ schrie Johnny zurück. „Ihr habt mir das Geld gegeben, und ich sollte es im Haus von unserem Alten bunkern. Das hab ich getan. Ich habe den Wagen im Stausee absaufen lassen, bin am gleichen Abend in Charles’ Billardkaffee geeilt und habe die ganze Nacht Tischfussball und Billard gespielt. Und Charles habe ich eingebleut, wenn ich Schwierigkeiten bekäme, ob es okay ginge, dass ich schon zwei Stunden früher da gewesen wäre. Das war mein Alibi und mein Glück, dass Charles mich bei den Bullen gedeckt hat, sonst hätte ich ein paar Jahre im Knast verbracht.“
„Du wärst unter das Jugendstrafgesetz wegen Mittäterschaft gefallen. Mehr als zwei Jahre hättest du nicht bekommen,“ meinte Billy abfällig.
„Das interessiert mich einen Dreck, unter was für ein Gesetz ich gefallen wäre. Ich hatte genug Schwierigkeiten mit diesem Scheiß,“ meinte Johnny. „Frank wollte mich nicht dabei haben. Aber allein traute er sich nicht in die Bank, wenn draußen niemand wartete. Es war deine Scheißidee,“ beschuldigte Johnny Billy, „und du hast meinen Bruder überredet, ich solle den Fluchtwagen fahren, wenn ihr aus dem Bankgebäude herauskommt. So war es!“ Johnny schob verärgert den Unterkiefer vor.
„Ein Glück, dass mir die Polizei und Staatsanwaltschaft abgenommen hatte, dass ich mit sechzehn Jahren noch nicht Autofahren könnte. Als mich die Polizei in einen ihrer Wagen setzte, stellte ich mich so ungeschickt an, dass es einfach echt aussah. Sie vermuteten mich am Steuer des Fluchtwagens, aber ich habe sie ‚gefoolt’. Wie dem auch sei,“ lenkte Johnny wieder ein. „Nachdem ich früh morgens aus Charles’ Billardkaffee schwankte, und ich im Keller meines Alten noch einmal nach dem Geld schaute, war es weg. „Ich dachte sofort,“ log Johnny intuitiv weiter, „ihr beide seid noch einmal zurückgekommen, habt den Rest geholt, und seid auf und davon.“
„Ich habe es gewusst,“ zischte Billy. „Ihr zwei wollt mich mit der Kohle abrippen.“ Billy platzte der Kragen.
„Beruhige dich du Arschloch,“ fauchte Johnny zurück.
„Vielleicht ist Frank in der Nacht von Hamburg aus noch einmal zurückgekommen, und hat das Geld von dort, wo du es versteckt hattest, geholt,“ suchte Billy neugierig nach einer Antwort.
„Das Geld war schon vorher weg. Deine Rechnung geht zeitlich nicht auf!“ schrie Johnny.
„Gut zu wissen,“ dachte Billy. Er konnte in diesem Augenblick seine feindselige Ausstrahlung nicht verbergen. Johnny merkte das. Er ließ ihn reden und fragen, dann spürte er, was er wirklich wusste und wollte.
„Hast du dir ab und zu was von dem Geld genommen?“ wollte Billy ihm jetzt eine Falle stellen, aber darauf fiel er nicht herein. Johnny verneinte diese lächerliche Attacke von Billy.
„Und dein Alter, vielleicht hat der es gefunden?“ bohrte Billy weiter.
„Ausgeschlossen,“ beruhigte ihn Johnny geschickt. „Er weiß bis heute nicht, dass ich das Fluchtauto gefahren habe. Er weiß so gut wie gar nichts.“
Doch in dieser Hinsicht täuschte sich Johnny in seinem versoffenen Vater.



*



Voriges Jahr, genauer letzten Herbst, als Sergeant Crow seinen Alkoholkonsum noch einigermaßen unter Kontrolle hatte, schaffte er im Keller Ordnung und danach reinigte er seine Schusswaffen. Er war vernarrt in diese Dinger. Sie waren seine Persönlichkeit. Da entdeckte er durch Zufall eine kleine Maus wie sie unter der letzten Stufe der Kellertreppe hervorspähte. In seinem Suff legte er auf das armselige Geschöpf mit einer Kurzwaffe an, um sie weg zu pusten. Das war sein Lieblingsausdruck für legalisiertes Töten. Die Maus verschwand schneller, als er abdrücken konnte. Er ging zu der Stelle, wo die Maus verschwand, lockerte die Vorderwand unter dem letzten Tritt der geschlossenen Stufe, und entdeckte die geraubten 2,75 Millionen DM in einem sorgfältig verschlossenen Alukoffer. Er tat das Geld zurück und reparierte die schadhafte Kellertreppe.
Hin und hergerissen zwischen Suff, seinen moralischen Abgründen und seinem schizophrenen Verhältnis zum Töten, das er seinen Soldaten täglich gelehrt hatte, billigte er nach qualvollen Gewissensbissen, den Mord an den beiden deutschen Polizisten. In seinem Herzen, wuchs ein krankhafter Stolz zu seinem missratenem Sohn Frank. Der Anblick des Geldes hieß ihn, seinen einst verstoßenen Sohn, wieder herzlich willkommen. Wann auch immer.
Wenn er derb mit seinen Rekruten ins Gefecht ging, waren die Deutschen sowieso nur ‚Krauts’, über die man sich unter Kollegen am Wochenende im Kasino der US Kaserne lautstark lustig machte. Er schwor sich für seinen Sohn Frank zu Schweigen wie ein Grab, dass er eines Tages, wenn er wiederkäme sagen könne, „er habe das Geld bewacht, und dass sein Ältester auch einmal auf ihn stolz sein könne.“ Das redete er sich ein, und machte das Geheimnis der Entdeckung, seit jenem Tage, zu seiner Lebensaufgabe für den Rest seiner Tage. In Wirklichkeit war er Wächter auf verlorenem Posten, und eines zweifelhaften Schatzes.

schliessen