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LESEPROBE

Titel: Von Almen, Hütten und Klettereien


Das „Weiwi“ 7
Der „Mande“ 9
Eine salzlose Ostertour im Vorkarwendel 11
Sommer und Winter im Rofan:
Die Ampmoosalm 19
Der Kochtopf 28
Heini der Senn 39
Ostern 47
Die „Zwei-zu-Eins-Tour“ 50
Blitz und Donner am Jubiläumsgrat 55
Dolomiten: Edelweiß und Abseilhaken 60
Die störrischen Bergschuhe 65
Zwei Nächte in der Hochwanner-Nordwand 69
Das Ölschifferl 74
Wie eine gemütlich angegangene Weihnachtstour
zum Voralpenquergang ausartet 76
Wettersturz in der Watzmann-Ostwand 82
Eine Frostbeule am Olperer 86
Korsische Impressionen 96
Der Mande und der Kochlerturm 109
Almen 112





Heini der Senn


Es ist wieder Sommer. Der Mande und ich beschließen, mit unseren Freundinnen zwei Wochen Urlaub auf der Markalm zu machen. Anfang August ist dort bestimmt Almbetrieb, wir wissen allerdings nicht, ob wir dort nächtigen können. Das stört uns nicht sonderlich, irgendwo werden wir schon unterkommen.
Helga und ich radeln zum Achensee. Im Hotel Scholastika stellen wir unsere Räder unter und machen uns auf den Weg zur Kögelalm. Es ist schon Abend, als wir dort ankommen. Ein weißhaariger, älterer, sehr freundlicher Senn gewährt uns Nachtlager. Er bietet uns frische Buttermilch an und freut sich sichtlich über unseren Appetit.
Am nächsten Tag geht es an der Schmalzklausenalm vorbei zur Angeralm und von dort durch das Angerkar zur Markalm. Den steilen Aufstieg durch das Eselkar umgehen wir hiermit, aber die gesamte Höhe muß doch erstiegen werden. Wir sehen die Alm noch nicht, als uns schon helles Glockengebimmel empfängt. Vor der Almhütte in der Wiese lagert eine Gruppe Pfadfinder, die gerade aufbrechen als wir näher kommen. In der offenen Tür steht der Senn, er schaut uns mißtrauisch an und fragt:
„G`hört`s ehs a zu dene Biblforscher?“ Er deutet zu der abwandernden Gruppe.
„Na“, entgegne ich, „mir san Bergsteiger und mechtn gern so a zwoa Wocha bei dir da übernachten, wenn`s gang.“
Seine Miene erhellt sich. Er ist ein kräftiger Bauernbursch, so ungefähr in meinem Alter, ich war damals zweiundzwanzig. Er hat lustige blaue Augen und ein ehrliches Lachen im Gesicht.
„Wenns ehs Bergsteiger seids, nacha is scho guat, mit dene Biblforscher mecht i nix zum tuan hab`n. Könnts scho dableib`n, du und des Weiwi.“
Er schaut das Weiwi freundlich an und ist wahrscheinlich froh, sein eintöniges Sennerdasein mit einem weiblichen Wesen etwas zu ver-schönern. Das Weiwi war achtzehn Jahre alt und immer lustig.
„Von jed`n kriag i a Markl pro Nacht und ob`n auf`m Dachbod`n könnts schlafa.“
„Da kemman aber no zwoa“, sage ich zu ihm.
„Haut scho hi“, meint er freudig „des san pro Nacht vier Markln.“
Er ist, so scheint es, ganz furchtbar wild auf Markln. Wir freuen uns, daß das mit dem Nachtlager so reibungslos geklappt hat und sind zufrieden.
Die Alm ist nach dem gleichen Muster gebaut wie die vom Ampmoos drüben, sie hat aber noch zusätzlich ein Schlaf- und ein Vorratskammerl.
Plötzlich steht ein kleiner, schmächtiger Bub von vielleicht zwölf Jahren vor uns. Er hat eine grüne Joppe an, die ihm viel zu groß ist und fast bis zu den Knien herunterhängt. Auf dem Kopf sitzt ein Hut, der auch zu groß ist und ihm dadurch die Ohren verbiegt. Seine Füße stecken barfuß in Gummistiefeln und in der Hand hält er einen krummen Latschenstock.
„Des ischt der Franzl, mei Hüatabua“, klärt uns der Senn auf, „und i bin der Heini.“
Der Heini und der Franzl sind aus Kramsach im Inntal. Den Buben werden sie auf die Alm mitgegeben haben, daß er etwas zulegt und kräftiger wird. Er ist wirklich sehr dünn, aber rennen kann er, das beweist er uns, indem er gegen Abend die Kälber in die Nähe der Alm treibt. Es sind über sechzig Stück und zwei Milchkühe. Diese muß er zum Melken in den Stall bringen, meistens jedoch kommen sie schon ganz alleine, sie sind es gewöhnt.
Wir sitzen alle, bis es dämmert, auf der Bank vor der Hütte und erzählen vom Bergsteigen, vom Klettern und vom Schifahren. Der Franzl lauscht mit großen Ohren und dem Heini müssen wir immer wieder das Klettern im Fels beschreiben.
„Dös mecht i a amal macha, dös mit dem Soal“, und bekommt einen sehnsüchtigen Gesichtsausdruck. Als ich ihm mein rotes, vierzig Meter langes Kletterseil zeige, gerät er völlig aus dem Häuschen. Er hängt es sich sofort schräg über die Schulter und platzt fast vor Stolz. Der Franzl bekommt es auch einmal, aber das Gewicht erdrückt ihn schier.
Wir begeben uns zum Nachtlager auf den Dachboden. Das Seil nehme ich mit, sonst geht der Heini noch damit in`s Bett. Das Lager besteht aus blankem Bretterboden. Das Weiwi bekommt den Rucksack und ich das Seil als Kopfkissen.
Am nächsten Tag trifft der Mande mit seiner Freundin ein. Die Zenzi ist ein stämmiges Mädchen aus einem Bauernhof und wir verstehen uns alle auf Anhieb gut. Der Heini grinst, weil jetzt schon zwei Mädchen auf seiner Alm hausen. Der Mande legt sicherheitshalber folgende Verhaltensweise fest:
„Mir sagen eahm nix, daß mir melken könna, sonst bleibt uns die ganze Stall- und Milcharbat und da Heini tat sich a schöns Leb`n macha!“
Wir vier durchstreifen in den nächsten Tagen das ganze Rofan, steigen auf den Hochiss und genießen die sonnendurchfluteten Sommertage. Am liebsten gehen wir über den Schafsteig auf die Rofanspitze, legen uns unter den Gipfelfelsen in das Gras und schauen weit in die Zillertaler Berge hinein. Es gibt auch unter dem Gipfel einen kurzen Felskamin zum Klettern.
Hier machen wir mit unseren Mädchen Seilübungen.
Es ist schon ein schönes Gefühl, mit einem Mädchen das man liebt, das erste Mal einen gemeinsamen Urlaub zu verbringen und die Berge mit all den einzigartigen Blumen erleben zu dürfen.
Doch zurück zur Markalm.
Dem Heini müssen wir immer wieder erzählen, wie man beim Klettern Felshaken schlägt und wie eine Seilsicherung funktioniert. Auch, daß die Schwierigkeit einer Kletterroute von eins- leicht bis sechs- äußerst schwierig eingestuft wird.
„Morgen pack mas“, bestimmt er. Am nächsten Morgen suchen wir ein Felswandl in der Ostwand der Rofanspitze als geeignete Übungsstelle aus. Es ist nicht besonders schwierig und gerade eine Seillänge lang. Ich klettere voraus und bringe die Seilsicherung an. Der Mande bindet den Heini an`s Seil und zeigt ihm die ersten Griffe und Tritte. Der turnt dann wie ein Klammeraffe in den Felsen herum und macht einen Klimmzug nach dem anderen. Dabei brüllt er aus Leibeskräften:
„Äußerst sechs, äußerst sechs!“ Ich ziehe ihn wie einen Sack nach oben. Wir krümmen uns vor Lachen, aber für ihn war das ein ungeheures Erlebnis.
Beim Abstieg darf er das Seil tragen, dabei fühlt er sich vermutlich wie der Erstbesteiger der Eiger – Nordwand.
Am Abend teilt er uns mit, daß er Richtung Steinberg auf der Kreuzeineralm eine Sennerin besuchen wolle. Uns ist das egal, wir bleiben sowieso hier beim Franzl. Wann er dann in der Nacht wieder heimgekommen ist, ist uns entgangen. Der Franzl hatte in der Früh` schon die zwei Kühe gemolken, als er auf der Bildfläche erschien.
Das Leben auf der Alm ist aber auch eintönig, vor allem ist die Ernährung einseitig. Alles was mit Milch zusammenhängt, gibt es reichlich, dafür ist Fleisch und Gemüse absolute Mangelware. Jeden zweiten Tag wird die anfallende Milch mit dem Separator entrahmt. Die Magermilch schüttet er in einen Trog an der Hüttenwand, wirft einige Handvoll Kleie dazu und ruft laut:
„Suck, Suck, Suck!“ Daraufhin ertönt hinter dem Kuhstall ein höllisches Gequieke und fünf Stück halbwüchsige Ferkel kommen angesaust. Eines springt vor Freude gleich in die Milch und wird, als der Trog leer ist, von den anderen rundherum abgeleckt.
So ungefähr alle fünf Tage wird gebuttert. Der Heini hat kein Butterfaß zum Stampfen, sondern eine Buttertrommel. die muß schön langsam und gleichmäßig in einer Richtung gedreht werden, aber es dauert lange, bis es in der Trommel zu „Patschen“ anfängt und die Butter zusammenklumpt. Um ein paar Markln kaufen wir ihm ein gehöriges Stück ab.
Es schmeckt herrlich. Den Rest lagert er im Kammerl, dort liegen in Holzregalen einige total verschimmelte Graukäsekugeln. Auf unsere Frage, ob er auch Käse mache, antwortet er:
„Na, heier net, de san no vom vorigen Jahr, heier hab i z`wenig Milchküah heroben.“
Von einem angebrochenen Laib verehrt er uns ein Stück. Der Graukäse von der Kramerin in Steinberg ist dagegen reinste Delikatesse, so gräßlich schmeckt dieser hier.
Zwei Tage nach seiner nächtlichen Abwesenheit verschwindet er schon wieder. Wir hegen den Verdacht, daß er „Wildern“ geht, zumal er am nächsten Tag unter dem Kinn noch etwas geschwärzt aussieht. Es kann aber auch so sein, daß die Sennerin, falls es sie wirklich gibt, eine etwas rußige Kammer hat.
Von seinem Ausflug bringt er zwei winzige Edelweiß mit und zeigt sie uns voll Stolz Wir bekommen einen Lachanfall und erklären ihm:
„Wir wissen, wo`s Edelweiß gibt, a so große scho, wiast es du noch nia in dein Leben gsehn hast und wanst an Muat hast, nacha holn ma oa. Aber de Felswand is senkrecht und total brüchig!“ Er bekommt große Augen und mit einem markanten Aufschrei:
„Äußerst sechs“, erklärt er seine Beteiligung an dem Unternehmen.
Die Mädchen bremsen sofort unseren Übermut und behaupten, daß wir fast nichts mehr zu Essen haben. Daraufhin beschließen der Mande und ich, daß wir morgen nach Kramsach absteigen, um dort einzukaufen. Dem Heini sollen wir Mehl, Zucker und Geräuchertes mitbringen. Am Morgen gibt er uns einen Graukäse mit und meint:
„Den gebts dem Senn von der Zireinalm, da müßt ihr sowieso vorbei, der kriagt no oan vo mir.“
Die Zireinalm besteht aus mehreren Hütten und Ställen und sieht nach großem Almbetrieb aus. Wir fragen nach dem Senn und werden in den Kaser geschickt. Dies ist ein großer Raum mit einer beachtlichen Feuerstelle in einer Ecke. Über dem brennenden Feuer hängt an einem Galgen ein riesiger Kupferkessel randvoll mit Milch. Zwei Männer rühren ständig um, ein dritter, großer, kräftiger mit einem Vollbart schaut nur zu. Er ist der Senn. Wir sagen unser Sprüchlein auf und übergeben ihm den Käse. Der schüttelt seinen Kopf, gibt die Käsekugel einem Umrührer und befiehlt:
„Um Gotts Willn, schmeiß den dene Fackn naus!“ Er lädt uns freundlich zu einer Brotzeit ein. Wir bekommen frisches Brot, Butter, Milch und ein großes Stück Emmentaler Käse. Wir mampfen. Der Senn bemerkt unsere neugierigen Blicke und erklärt uns, daß sie hier nur Emmentaler herstellen und daß die Temperatur genau stimmen muß, wenn das Lab zur Gerinnung dazugegeben wird. Wir hätten gerne die ganze Prozedur beobachtet, aber wir müssen aufbrechen, die Zeit drängt.
Von der Alm führt ein Fahrweg in`s Tal, aber so kommen wir nicht schnell genug hinunter. Wir nehmen Abkürzungen und rennen förmlich bis Kramsach. Dort erreichen wir die Läden noch bevor sie mittags schließen. Der Rückweg ist mit den gefüllten Rucksäcken beschwerlich und zieht sich in die Länge wie ein Gummiband. Wir sind fix und fertig, als wir am späten Nachmittag unsere Alm wieder erreichen.
Dort herrscht Aufregung.
Zwei Jäger waren hier und haben den Senn gesucht, doch der ist seit dem Vormittag schon wieder verschwunden. Ob die Mädchen wissen, daß der Senn vielleicht wildert? Der Franzl wurde gefragt, ob es oft Fleisch gibt und ob er schon „Gamserln“ angefaßt hat?
Doch der war nicht mundfaul und antwortete ihnen prompt:
„Ja scho, wenn i dene a Salz gib, nacha konn i`s sogar streichln.“
Der Heini kommt am Abend zurück und wird sichtlich blaß, als die Mädchen berichten.
Doch als er hört, daß die Jäger nichts erfahren haben, weil alle nichts wissen, setzt er wieder sein breites Grinsen auf, geht in eine dunkle Ecke der Alm, hantiert an einem Brett an der Wand herum und kommt mit einem beachtlich großen Stück Fleisch wieder zum Vorschein.
Aha, also doch! Mit fester Stimme behauptet er:
„De kemma heit nimmer!“
Er fabriziert aus dem Fleisch mit Mehl und Butter eine Art Goulasch. Es schmeckt unheimlich gut und der Franzl haut hinein, daß es eine wahre Freude ist zuzusehen. So wird er auch einmal richtig satt.
Im Schein der auf klein gedrehten Petroleumlampe, die über dem Tisch hängt, kommt das Gespräch auf das „Kasermandl“. Der Heini erzählt:
„Des Kasermandl ischt a Geischt, a so kloa scho, daß man net siecht. Aber er ischt allerweil da auf der Alm. Wanns dem Manderl guat geht, nachher schaugts, daß koa Krankheit über d`Viecher kimmt, daß koa Kuah abstürzt in dene Felsen, daß koa Blitz einschlagt, daß der Rahm net schimmlig wird und daß überhaupts koa Unheil über d`Alm kimmt.“
Bis jetzt ist uns eigentlich nichts Nachteiliges aufgefallen. Vielleicht geht das Kasermandl sogar mit zum Wildern? Uns wundert nichts mehr, hier heroben ist alles möglich. Der Franzl ist schon am Tisch sitzend eingeschlafen. Wir singen Bergsteigerlieder. Das Lied vom Almenrausch und Edelweiß singen wir sogar zweistimmig. Auch die „Ballade vom Jennerwein, den a Jager hinterrucks derschossn hat“, wird ausgiebig reproduziert. Dabei bekommt der Heini feuchte Augen.
Spät in der Nacht beenden wir die Runde, in dem Bewußtsein, daß wir hervorragendes Wildbret verspeist haben, obwohl wir alle nichts wissen.
Der Heini trägt den schlafenden Hüterbub in die Kammer und wir verkriechen uns in unser Lager.
Zwei Tage später machen wir die Edelweißtour. Die Mädchen müssen hier bleiben, zu gefährlich. Der Heini trägt wieder das Kletterseil. Wir gehen über den Bettlersteig auf den Hochiss und den Dalfazerkamm abwärts Richtung Rotspitze. Bei der uns bekannten Stelle, legen wir uns auf den Bauch und spähen vorsichtig nach unten. Wie im vorigen Jahr ist die Wand wieder voller Edelweiß. Der Heini gibt einen Juchzer von sich und will sofort nach unten klettern. Ich halte ihn zurück:
„Spinnst du, da stürzt ja ab, du kimmst an`s Seil!“
Wir seilen ihn an und kontrollieren noch einmal alles. Ich finde einen guten Standplatz zum Sichern und der Mande eine abgerundete Felskante, so daß das Seil nicht beschädigt wird. Mit einem „äußerst sechs“, verschwindet der Heini aus meinem Blickfeld. Ich halte das Seil immer etwas auf Zug, der Mande liegt an der Kante und übermittelt Kommandos: „Nachlassen, Festhalten!“
Nach einem weiteren „äußerst sechs“, ist Stille. Gut zwanzig Meter Seil sind schon über die Kante verschwunden und es rührt sich nichts. Nach einer Ewigkeit schreit der Mande:
„Eiziagn, er kimmt rauf!“ Ich ziehe aus Leibeskräften. Dann taucht dem Heini sein Kopf auf, den Mund hat er voller Edelweiß. Darum hat er also nicht mehr äußerst sechs rufen können.
„I geh no oamal owi“, sagt er. Doch wir sind der Meinung, daß es uns reicht, aber er läßt sich nicht davon abbringen. „I brauch no oa“ und grinsend verschwindet er schon wieder.
Das Spiel wiederholt sich. Plötzlich trifft mich durch das Seil ein gewaltiger Ruck. Ich stemme mich mit aller Kraft dagegen, das Seil schneidet in meinen Unterarm und in den Rücken ein, mir kommt es vor wie eine Ewigkeit, bis endlich der Zug nachläßt.
„Was is da los“, rufe ich dem Mande zu.
„Mi hast halbert, der is doch glatt mit an Trum Felsen in`s Seil neigfalln!“
Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen, denke ich mir, als der Heini wieder erscheint. Er hat nur noch zwei Stück, ist leichenblaß und murmelt:
„Des war äußerst sechs!“ Jetzt scheint es ihm zu reichen.
Wir treten den Rückzug an und verstauen die Edelweiß im Rucksack.
In einiger Entfernung hat die Edelweißwand eine Unterbrechung, eine Schlucht führt nach unten und wäre vielleicht für den Abstieg geeignet. Wir versuchen es, anfangs können wir noch klettern, doch dann versperrt uns ein Überhang das Weiterkommen. Wir schlagen einen Felshaken, knüpfen eine kurze Seilschlinge hinein und ziehen das Seil bis zur Hälfte hindurch. Der Heini schaut mit großen Augen zu. Wir erklären ihm, wie man im nicht kletterbaren Fels abseilt. Der Mande macht es vor, er zieht das doppelte Seil zwischen die Oberschenkel nach hinten, schräg vorn über die Schulter und läßt es hinten über die Achsel nach unten hängen. Er faßt mit den Händen das vordere und das hintere Seil und rutscht im so genannten Dülfersitz nach unten. Ich helfe dem Heini und es funktioniert wunderbar. Der Kerl hat ja keine Angst. Nachdem wir alle unten sind, wird das Seil wieder aus der Schlinge gezogen. Der Heini springt im Kreis herum und haut sich vor Freude auf die Oberschenkel.
Er hängt sich das Seil über die Schulter und wir marschieren heimwärts.
Unseren Freundinnen erzählt er pausenlos sein Abenteuer, wobei der Felsen, mit dem er ins Seil fiel, inzwischen fast so groß wie die Hütte wurde.
Aus lauter Dankbarkeit macht er für uns alle einen Melkerschmarrn. Der Franzl muß Feuer machen. Auf einem eisernem Dreibein stellt er eine große Pfanne über das Feuer, bringt so zirka ein halbes Pfund Butter zum Schmelzen, schüttet Sahne und Milch dazu, rührt Mehl unter, streut etwas Salz darüber und rührt so lange, bis das Ganze zu einem drei Zentimeter hohen Kuchen aufgelaufen ist. Zum Schluß kommt noch eine kräftige Portion Zucker darüber. Fertig. Wir löffeln alle direkt aus der Pfanne, es schmeckt nicht schlecht, aber es ist ungeheuer fett. Almenkost!
Unser Urlaub geht zu Ende. Wir bezahlen den Heini in Markln und der freut sich darüber wie ein Kind. Der Franzl bekommt auch etwas heimlich zugesteckt und so sind alle zufrieden.
Von den Edelweiß nehme ich nur zwei Stück für mein Weiwi. Die versteckt sie in einem leeren Marmeladenglas und in getragenen Bergstrümpfen ganz unten in ihrem Rucksack.
An der österreichischen Grenze angekommen, nähert sich ein Zöllner und fragt uns unvermittelt:
„Wer hat jetzt von eich zwoa de Edelweiß?“
Verflixt woher weiß er, daß wir Edelweiß haben? Oder sieht er uns das an der Nasenspitze an? Das Weiwi reagiert sofort, reißt ihren Rucksack auf, schaut ihn total frech an und fordert ihn auf:
„Megns da neischaugn?“
Völlig verdattert über so viel Spontanität, meint er kleinlaut: „Na, den mecht i segn“, und deutet auf meinen. Doch als er das Chaos von durchgeschwitzter Wäsche sieht, verzichtet er auf weitere Besichtigungen.
Wir machen schnell, daß wir weiterkommen, und radeln in diebischer Freude nach Hause.

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